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14.05.2018

Auf zu neuen Ufern

© TCF Stadt Frankfurt am Main
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Umweltdezernentin Rosemarie Heilig über den Main, kreativen Mut und das neue Lebensgefühl in Frankfurt

Möchte in Frankfurt noch jemand den Schrotthandel im Hafenpark zurück? Trauert jemand dem Schlachthof und den Parkplätzen am südlichen Mainufer nach oder der desolaten Rollschuhbahn am Nizza? Die Bürgerinnen und Bürger haben längst mit den Füßen, Fahrrädern, Skateboards und Picknickdecken abgestimmt und sich ihren Main zurückerobert. Selbst die Teilnehmer des Consiliums Stadtraum Main vor nun fast 30 Jahren hätten sich kaum träumen lassen, welche Kraft Frankfurt aus der Rückbesinnung auf seinen Fluss schöpfen würde. Der Puls der Metropole schlägt nicht mehr auf den steinernen Plätzen. Hauptwache, Konstablerwache, Rossmarkt sind inzwischen Transit-Orte. Am Main will man sein.
Um sich die Zukunft des Mainkais rings um den Eisernen Steg ausmalen zu können, muss man einige Jahre zurückblicken.
Eine Art Initialzündung kam von Goethe, bzw. von seinem 250. Geburtstag. Am Ostermontag 1999 pilgerten Zehntausende auf einem Osterspaziergang (frei nach Faust „vom Eise befreit“) vom Goethehaus zur Gerbermühle und entdeckten ihr Mainufer neu – durchaus noch unterbrochen von Parkplätzen und diversen Gerümpelecken. Doch alle, die an diesem Ostermontag unterwegs waren, ahnten um die große Chance dieses Ortes für Frankfurt.

„Es war, als würden die Abende länger, milder, irgendwie leichter“

Der Durchbruch für den Mainuferpark kam dann mit dem „Sommermärchen“ 2006. Das Nizza war gerade wieder als mediterraner Garten aufgeblüht, an der Weseler Werft musste man nicht mehr über Zäune klettern und durch Pfützen waten, am Deutschherrnufer hatten wir nun eine Promenade statt einer vierspurigen Einfallstraße. Während der Fußball-WM spürten wir erstmals so richtig, wie sich das Lebensgefühl Frankfurts durch das grün-blaue Band verwandelte. Es war, als würden die Abende länger, milder, irgendwie leichter. Und leider ist der Klimawandels seitdem ja auch immer deutlicher spürbar: Wir können oft schon im April bis in die Nacht im Freien bleiben und im Sommer möchten viele gar nicht mehr in die aufgeheizte Wohnung zurück.

Blick auf den Hafenpark am Mainufer<br />
© Rainer Vollweiter
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Ich selbst konnte als Umweltdezernentin den naturnahen Licht- und Luftpark am Niederräder Ufer eröffnen und den Hafenpark, Frankfurts „Place to Be“. Fechenheim und Höchst haben wieder ansehnliche Uferpromenaden, Schwanheim bekommt gerade einen Zugang zum Fluss. Als nächstes werden wir eine Grünverbindung vom Westhafen zum zauberhaften Sommerhoffpark schaffen und ein bedeutsames Naturschutzprojekt verwirklichen: die Auenlandschaft im Fechenheimer Mainbogen. Der Main ist ja nicht nur schöne Kulisse und Wasserstraße, sondern Hauptader eines Ökosystems. Auch Fische, Biber und Störche sollen sich in der „Green City“ wohl fühlen.

Kämpfen für etwas, das noch keine Lobby hat

Nimmt man dies alles zusammen, haben Grünflächenamt und Umweltamt in den letzten Jahren fast 14 Kilometer Flussufer aufgewertet – sehr zum Gewinn Frankfurts. Fast überall gab es zunächst Einwände, weil meist schon etwas anderes da war, das entweder weg oder geschickt einbezogen werden musste, damit etwas Besseres entstehen konnte. Ganz zu schweigen von den Konflikten mit Gastronomen, die gerne von den Menschenmassen am Main profitieren würden. So wäre die Erfolgsgeschichte Main nicht möglich gewesen ohne Politik: Immer wieder mussten Stadträte, Stadtverordnete und Ortsbeiräte Interessen gegeneinander abwägen, Gegenwind standhalten und für etwas kämpfen, das noch keine Lobby hatte. Eine vorhandene Grünanlage möchte niemand mehr missen. Doch für neues Grün geht selten jemand auf die Straße.
Genau das möchten wir nun zwischen Römerberg und Mainufer wagen: erstmals wird Frankfurt für neues Grün buchstäblich auf die Straße gehen. Laut Koalitionsvertrag soll der etwa 900 Meter lange Uferabschnitt zwischen Alter Brücke und Untermainbrücke für mindestens ein Jahr autofrei werden, wie wir es schon von Mainfest, Ironman, Museumsuferfest und anderen Veranstaltungen kennen. Dass dieser Versuch überhaupt möglich wird, haben sich die Frankfurter*innen selbst erstrampelt. Seit Jahren geht der Autoverkehr in der City zurück, während der Rad-Anteil steigt und steigt. Diesem erfreulichen Trend können wir nun bei der Zuteilung von Flächen Rechnung tragen. An der bisher engsten Stelle des Mainufers bekommen Radler*innen und Fußgänger*innen mehr Luft.

Eine freie Fläche für die Kreativität

Was passiert nun an „Tag X“? Wir werden vonseiten der Stadtverwaltung sicherlich einige Ideen vorbereiten, um den nördlichen Mainkai als Erholungsraum zu markieren: Grüne Zimmer, Bänke, vielleicht ein Beachvolleyballfeld, temporäre Gastronomie. Aber übertreiben wir es nicht mit der Möblierung, vergeben wir nur zurückhaltend Konzessionen! Auf der Landebahn am Alten Flugplatz zeigt sich Woche für Woche, mit wieviel Kreativität sich die Frankfurter*innen eine freie Fläche aneignen. In Berlin haben sich die Bürger*innen ein ganzes Flughafen-Areal erobert. Geben wir dieser Eigeninitiative einfach mal einen schönen Raum!

Stadträtin Rosemarie Heilig, © Sandra Mann
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Manche sprechen noch immer von „Sperrung“ des nördlichen Mainufers, für mich ist es eine Freigabe. Frankfurt wird gerade an so vielen Stellen verdichtet, jeder Quadratmeter scheint definiert oder verplant. Hier haben wir endlich die Chance, die Stadt zu öffnen und aufzulockern! Wenn jedes Jahr 12.000 oder 15.000 Menschen zuziehen, benötigen sie ja nicht nur Wohnungen und Schulen, sondern auch Begegnungsorte, Bewegungsorte, Orte zum Entspannen unter freiem Himmel. Ich bin gespannt auf das Stadtleben, das sich hier entfalten wird: Seifenkistenrennen an den Brückenauffahrten? Tango zur blauen Stunde am Fahrtor? Wir werden staunen, was Frankfurter Initiativen hier alles auf die Beine stellen werden.

Ja natürlich, wir müssen genau hinschauen, wie sich Verkehrsströme verlagern und darauf achten, dass Wohngebiete nicht unter der neuen Wegeführung leiden. Ich bin aber sicher, dass die Frankfurterinnen und Frankfurter sich das neue Stück Freiraum nicht mehr nehmen lassen und bereit sind, die Mobilität den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Blühendes  Mainufer, © Umweltderzernat Stadt Frankfurt am Main, Foto: Rainer Vollweiter
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Wenn ich die gesamte Entwicklung des grünen Mainufers Revue passieren lasse, wird sich auch am nördlichen Mainkai bald niemand mehr vorstellen können, wie es eigentlich vor „Tag X“ war. Zurück zum Fluss: Das war und ist eine Frankfurter Erfolgsgeschichte. Es ist fast schon Ehrensache, dass wir uns jetzt, auf der der letzten Etappe, nicht noch den Schneid von Paris oder anderen Städten abkaufen lassen. Nur Mut, es wird gut. Springen wir! Schließlich sind wir die einzige vergleichbare Großstadt, die ihren Fluss im Stadtnamen trägt.